Der erwachsene und alternde Hund

Nach der aufregenden Phase der Pubertät erreicht der Hund mit ein bis zwei Jahren die Erwachsenenphase. Der weitere Alterungsprozess ist unvermeidlich und abhängig von Grösse und Rasse beginnt bei manchen Hunden leider auch schon bald danach die Altersphase.

Der erwachsene und reife Hund

Körperliche Entwicklung

Das körperliche Wachstum ist abhängig von der Grösse des Hundes zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Kleinwüchsige Hunde und Zwergrassen sind bereits mit 8 oder 10 Monaten ganz ausgewachsen, bei grossen Hunden und Riesenrassen dauert die körperliche Entwicklung oft bis zu 24 Monate. Das Skelettsystem ist in dieser Zeit besonders bei diesen grossen Rassen noch immer anfällig für entwicklungsbedingte Schäden. Ein wichtiger Risikofaktor ist hier die dauernde Überlastung der wachsenden Gelenke und Knochen durch Übergewicht und eine Überversorgung mit Energie.

Bereits in der mittleren Lebensphase von 3 bis 6 Jahren können auch schon vermehrt chronische Erkrankungen auftreten:

  • Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus): Einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung eines Diabetes mellitus beim Hund ist Übergewicht. Unkastrierte Hündinnen sind durch hormonelle Einflüsse zusätzlich besonders anfällig. Die wichtigsten Symptome sind unmässiger Durst, damit manchmal verbunden Unsauberkeit und Gewichtsverlust trotz gutem Appetit. Wenn der Hund einmal an Diabetes erkrankt ist muss er lebenslänglich Insulininjektionen erhalten und konsequente Diät einhalten; Hündinnen sollten kastriert werden.
  • Zahn- und Zahnfleischerkrankungen: Erkrankungen der Mundhöhle zählen zu den häufigsten Störungen beim erwachsenen und alternden Hund. An den Zähnen setzen sich Zahnbeläge ab, die durch den Speichel verkalken – es entsteht Zahnstein. Dieser Zahnstein enthält Massen von Bakterien, die sich hier ausbreiten und das angrenzende Zahnfleisch dauernd durch ihre Giftstoffe schädigen. Das Zahnfleisch reagiert mit Entzündung und zieht sich immer weiter zurück bis schliesslich auch der Kieferknochen geschädigt wird. Die Folgen für den Hund sind katastrophal! Nicht nur die Zähne fallen aus, weil sie keinen Halt mehr haben, sondern es werden beim Kauen Bakterien über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt, die lebenswichtige Organe wie Herzklappen, Leber, Nieren und Gelenke schädigen. Nicht zuletzt verströmt der Hund einen überaus üblen Mundgeruch und er hat … Schmerzen!
  • Regelmässige Kontrollen und Zahnhygiene wie Zähneputzen, Kauspielzeuge und -snacks und natürliche tierärztliche Zahnuntersuchungen und -behandlungen gehören damit zu den wichtigsten Massnahmen der Gesundheitsvorsorge beim erwachsenen, reiferen und alten Hund.
  • Gelenkserkrankungen und Lahmheiten: Vor allem grosswüchsige Hunde können bereits mit 3 bis 5 Jahren erste, durch genetische Disposition und Abnützung verursachte Lahmheiten zeigen. Genetisch beeinflusste Gelenkserkrankungen wie Hüftgelenksdysplasie, Ellbogengelenksdysplasie oder Fehlstellungen tragen erheblich zur verfrühten Gelenksabnützung,  chronischer Entzündung und dauernden Schmerzen bei. Spätestens jetzt werden aber auch die Schäden durch nicht wachstumsgerechte und qualitativ schlechte Fütterung in der Wachstumsphase offensichtlich. Am Anfang ist die Lahmheit vielleicht nur vorübergehend zum Beispiel nach einem besonders anstrendenden Ausflug, und wird vernachlässigt. Es ist aber sehr sinnvoll, schon in dieser frühen Phase mit einer Behandlung zu beginnen! Das Fortschreiten der Gelenksschäden kann zwar nicht gänzlich verhindert, jedoch deutlich verlangsamt werden, wodurch der Hund seine Beweglichkeit und Schmerzfreiheit sehr viel länger behält. Chronische Lahmheiten der Hinterhand mit allen ihren Folgen wie Verlust der Sauberkeit sind einer der wichtigsten Gründe für das Einschläfern alternder grosswüchsiger Hunde!
  • Tumorerkrankungen: Leider bleiben auch Hunde nicht vor Krebserkrankungen verschont und diese können in jedem Lebensalter auftreten. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch – ähnlich wie beim Menschen – das Risiko. Bei frühzeitiger Erkennung und Diagnose muss nicht jeder Tumor ein Todesurteil für den Hund sein.

Psychische Entwicklung

Neben der körperlichen Entwicklung reift der Hund auch in psychischer Hinsicht. Sozial erwachsen und reif ist ein Hund auch in Abhängigkeit von der Grösse und Körpertyp mit 18 Monaten bis 4 Jahren. In dieser Zeit hat er in der Regel seine Ausbildung abgeschlossen und beginnt seine besten Leistungen in Arbeit und Sport zu bringen.

Leider müssen nun aber auch viele Besitzer erkennen, dass sich problematische Verhaltensweisen und psychische Störungen aus der Entwicklungsphase nicht – wie erhofft – von selbst und ohne Einsatz gelöst haben. Ganz im Gegenteil – die meisten dieser oft entwicklungsbedingten Störungen – und das gilt insbesondere für aggressives Verhalten – verschlechtern sich kontinuierlich.

Konflikte, die rund um die Pubertät begonnen haben, aber vom Hund noch nicht in aller Ernsthaftigkeit und Konsequenz ausgetragen wurden, tauchen beim 2 bis 4 jährigen Hund wieder auf. Der erwachsene und sozial reife Hund kann in einem ernsten Konflikt alle seine Waffen einsetzen und der Besitzer, der sich hier auf eine körperliche Auseinandersetzung einlässt muss mit schweren Verletzungen rechnen.

Daher werden viele Hunde gerade mit 2 bis 4 Jahren in der verhaltensmedizinischen Praxis vorgestellt. Manche dieser nun erwachsenen und ernsthaft aggressiven Hunde (und in aller Regel sind es Rüden) sind jetzt nicht mehr zu retten und müssen eingeschläfert werden, weil sie eine zu grosse Gefahr für ihre Besitzer und/oder die Umwelt darstellen. Eine frühzeitige Behandlung hätte einige dieser zerbrochenen Mensch-Hund-Beziehungen wieder heilen können.

Veränderungen im Leben der Besitzer wirken sich natürlich auch auf das psychische Befinden eines Hundes aus. Wenn ein Hund mit dem Erwachsenwerden nicht gelernt hat alleine zu bleiben, ist das kein Problem solange immer jemand bei ihm zuhause war. Familiäre Veränderungen wie eine Scheidung machen es manchmal notwendig, dass eine Frau arbeiten geht und der Hund soll dann von heute auf morgen 6 oder gar 8 Stunden alleine bleiben. Nicht selten endet das für den Hund in einer Katastrophe und der Abgabe im Tierheim.

Der alte Hund

Körperliche Entwicklung

Der Alterungsprozess ist unvermeidlich und beginnt im Grunde schon unmittelbar nach der Geburt. Mit zunehmender Lebenszeit werden die Veränderungen immer deutlicher: das Körperfett nimmt zu und der Wassergehalt im Körper verringert sich, die Leistungen der Sinnesorgane und des Immunsystems nehmen ab und die Anfälligkeit für Stress nimmt zu.

Auf der Ebene der Zellen nimmt die Flexibilität der Zellmembran ab, die Reparaturmechanismen für die andauernd auf die Zelle einwirkenden Schäden sind weniger effektiv. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit für Tumorerkrankungen.

Für den Hund beginnt die Phase des Alterns wiederum in Abhängigkeit von der Grösse mit 8 Jahren für kleine Rassen und schon mit 6 Jahren für grosswüchsige Hundetypen.

Die Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen wie sie auch schon im vorhergehenden Abschnitt beschrieben wurden steigt weiter an und der Hund wird ganz allgemein anfälliger für körperliche Störungen.

Die Leistungen der Sinnesorgane nehmen ab – es gibt Hunde, die einseitig oder völlig taub werden. Ab dem 6. bis 8 Lebensjahr wird auch eine zunehmende altersbedingte Trübung der Linse (Katarakta oder Grauer Star) sichtbar; die Sehbeeinträchtigung der Hunde ist dadurch allerdings gering und wird erst bei völliger Trübung ein Problem.

Hinzu kommen die oft langsam manifest werdenden Organschäden und häufigsten Todesursachen des Hundes:

  • Chronische Niereninsuffizienz: Die Ausscheidungsfunktion der Niere lässt nach und harnpflichtige Stoffe verbleiben im Körper, wo sie eine langsame Vergiftung des Organismus verursachen. Wenn der Hund als Reaktion übermässig zu trinken beginnt, kann es schon oft zu spät sein. Eine mindestens jährliche Kontrolle der Nierenfunktion beim tierärztlichen Gesundheits-Check ist die beste Möglichkeit, um Schäden frühzeitig zu erkennen und noch mit guter Prognose zu behandeln.
  • Chronische Herzerkrankungen: Schäden an den Herzklappen beeinträchtigen die Funktion des Herzens und verringern seine Leistung. Der Hund wird schlapp und will nicht mehr spazieren gehen oder spielen. Nach relativ geringfügigen Anstrengungen braucht er nun viel länger um sich zu erholen als früher. Spätestens jetzt sollte der Hund unbedingt sehr eingehend tierärztlich untersucht werden.
    Denn auch für chronische Herzerkrankungen gilt: je früher eine Behandlung einsetzt, desto länger kann die Lebensqualität und Bewegungsfreude des Hundes erhalten werden.

Psychische Entwicklung

Der Alterungsprozess macht natürlich auch vor dem Gehirn nicht halt. Genauso wie älteren Menschen werden auch Hunde mitunter etwas wunderlich.

Alte Hunde leiden häufig unter Stimmungsschwankungen und reagieren mit viel intensiveren Emotionen wie zum Beispiel Angst. Das Gedächtnis und die Lernleistung werden genauso wie beim älteren Menschen schlechter und der Hund wird vergesslich.

Bei der senilen Demenz (oder kognitive Dysfunktion) beeinträchtigen die Symptome das Wohlbefinden des Hundes und seiner Besitzer:

  • Verlust der Sauberkeit: Der Hund vergisst seine erlernte Stubenreinheit und wird unsauber.
  • Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus: Durch altersbedingte Veränderungen verändert sich der Lebensrhythmus und diese Hunde leiden unter Schlaflosigkeit, wandern nachts ruhelos umher und schlafen tagsüber.
  • Desorientiertheit: Senile Hunde haben oftmals Schwierigkeiten sich zu orientieren und warten zum Beispiel vor einer völlig falschen Tür oder auf der falschen Seite der Tür auf ihren Spaziergang; manche kennen den Weg auf vertrauten Spaziergängen nicht mehr oder sie wandern verwirrt und ohne erkennbares Ziel in der Wohnung umher.
  • Nachlassen der sozialen Kontakte: Hunde verlieren ihre soziale Kompetenz im Umgang mit anderen Hunden oder auch Menschen und ziehen sich zurück, begrüssen ihre Menschen nicht mehr freudig und einige reagieren auch ohne erkennbaren Grund aggressiv.

Wenn ein Hund bereits ein Symptom – und wenn es auch nur kurzfristig und vorübergehend ist – zeigt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass er in einigen Monaten weitere Symptome dieser Demenzstörung entwickelt. In den früheren Stadien kann diese altersbedingte Störung sehr gut mit Nahrungsergänzungen beziehungsweise einem Futter, das diese enthält, mit pflanzlichen Präparaten oder mit durchblutungsfördernden Medikamenten behandelt werden. Die Degeneration wird dadurch verlangsamt und der Hund altert in Würde, ohne in dieser seiner letzten Lebensphase durch Unsauberkeit und Verwirrtheit für seinen Besitzer zur Last zu werden.

Tabelle:

Altersvergleich Mensch – Hund

 

Alter Hund Kleine Hunde – 10kg Mittlere Hunde 10-25kg Grosse Hunde +25kg
6mo 17a 12a 6a
12mo 22a 20a 12a
18mo 25a 23a 16a
2a 27a 25a 22a
4a 29a 39a 40a
6a 36a 51a 55a
8a 46a 63a 75a
10a 55a 75a 94a
12a 62a 85a
14a 68a 95a
16a 76a
18a 87a
20a 99a