Rangordnung und Hierarchie

Der Hund kann als ausgesprochen soziales Lebewesen nicht unabhängig von seinem familiären System und seinen sozialen Beziehungen zum Menschen betrachtet werden. Andererseits hat aber auch jeder Hund seine eigene und eigenständige Persönlichkeit. Das macht die verhaltensmedizinische Arbeit mit dem Hund und seinem Besitzer sehr viel flexibler, umfassender und vielschichtiger, weil wir immer wieder ganz individuellen Mensch-Hund-Beziehungen begegnen.

Soziale Beziehungen und Rangordnung

Die sozialen Beziehungen des Hundes innerhalb seiner Familie und mit seiner sozialen Umwelt sind ein wichtiger Bestandteil jeder Verhaltenskonsultation. Hunde sind soziale Lebewesen, die nicht nur mit ihrer eigenen Art sondern auch noch mit anderen Arten wie dem Menschen, Katzen oder anderen Tieren zusammenleben oder Kontakt haben. Die sozialen Beziehungen haben nicht nur für das Wohlbefinden des Hundes, die Diagnose von psychischen Störungen des Hundes und die Funktionalität des familiären Systems in dem er lebt Bedeutung sondern können auch eine Quelle von Ressourcen für die Behandlung von Störungen sein.

Jede Mensch-Hund-Beziehung ist einzigartig und individuell. Bei der Untersuchung dieser Beziehung, die sehr weit in den persönlichen und intimen Bereich jeder Familie reichen kann, sollte man sich möglichst von eigenen Vorstellungen, Glaubenssätzen, Konzepten und Vorurteilen wie Hundehaltung auszusehen hat, frei machen.

Hunde sind ausserordentlich anpassungsfähig und können bereits seit 15 0000 Jahren unter den unterschiedlichsten Bedingungen mit Menschen zusammenleben. Der Hund fügt sich in das soziale familiäre System des Menschen ein. Für die Beurteilung vorrangig ist, ob die Beziehung funktionell oder dysfunktionell ist.

Die Verhaltenskonsultation hilft unter anderem Missverständnisse in der Kommunikation und unrealistische Ansprüche an den Hund aufzudecken.

Kommunikative und nonverbale Signale des Menschen

Die Körpersprache des Menschen kann von manchen Hunden falsch interpretiert werden. Mangelnde Sozialisation auf den Menschen und psychische Störungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Missverständnisse in der Kommunikation.

Einige nonverbale Signale aus der Sicht des Hundes, die einfach analysiert werden können:

  • Position des Oberkörpers: Die Haltung des Oberkörpers in Bezug zur Vertikalen hat eine Bedeutung für den Hund.
    • nach vorne geneigt, auf den Hund zu: Bedrohung, Kontaktaufnahme.
    • senkrecht: neutrale Haltung.
    • nach hinten geneigt: submissiv, unsicher, ängstlich.
  • Position der Schultern in Bezug auf den Hund: Die Stellung der Schultern hat für die Kommunikation mit dem Hund grosse Bedeutung.
    • frontal: Bedrohung, Weg verstellen.
    • Seitlich gedreht, eine Schulter zeigt zum Hund: Weg freigeben, keine Bedrohung.
  • Blickrichtung: Hund wissen ganz genau, ob sie vom Menschen angesehen (und gesehen) werden oder nicht.
    • Direkter Blick in die Augen: abhängig von der Härte oder Weichheit des Blicks Provokation, Aggression oder Kontakt, Aufmerksamkeit.
    • Blickt über den Rücken, auf die Kruppe: dominanter Blick.
    • Blick zur Seite: neutral oder submissiv, keine Bedrohung.
    • Blick nach oben oder in die entgegengesetzte Richtung: keine Bedrohung, unaufmerksam.

Die Veränderung und Anpassung dieser wenigen nonverbalen Signale in einer Therapie kann die Kommunikation des Menschen mit dem Hund schon entscheidend verbessern.

Besondere Probleme ergeben sich durch unklare Kommunikationsmuster:

  • Doppelte widersprüchliche Botschaften: Der Hund erhält gleichzeitig oder hintereinander zwei einander widersprechende Botschaften, entweder von ein und derselben Person oder von zwei verschiedenen Familienmitgliedern. Die Botschaften kommen in diesem Fall von der gleichen mentalen oder emotionalen Ebene. Der Hund muss eine Entscheidung treffen, die der einen Aufforderung angepasst ist und zwangsläufig die andere missachtet. Doppelte widersprüchliche Botschaften verwirren den Hund, können zu Störungen in der sozialen Organisation und zu Angststörungen führen.
    Beispiele:

    • Der Hund wird gleichzeitig mit zwei Signalen beauftragt – sitz undplatz – oder sitz und komm her .
    • Der Hund darf bei einem Besitzer auf die Couch und beim anderen nicht.
  • Doppelbindung (double bind): Der Hund erhält gleichzeitig oder hintereinander zwei einander widersprechende Botschaften von ein und derselben Person, an die er eine Bindung hat. Die Botschaften kommen von unterschiedlichen Ebenen, also aus dem mentalen und dem emotionalen oder Verhaltensbereich. Der Hund muss wieder eine Entscheidung treffen, welche Botschaft er missachtet, wenn er die andere befolgt. Zu diesen dissoziierten Kommunikationssignalen ist nur der Mensch fähig und sie sind Anzeichen für eine dysfunktionale Kommunikation oder Störung des Senders dieser Botschaften. Eine Doppelbindung kann Angststörungen fördern und die soziale Organisation beeinträchtigen.
    Beispiele:

    • Ein neuer Hund soll den Platz eines verstorbenen Hundes einnehmen und wird gleichzeitig geliebt und abgelehnt, weil er im Wettbewerb gegenüber dem vorigen, nunmehr perfekt gewordenen Hund niemals bestehen kann. Der Besitzer liebt in ihm nur ein Bild des vermissten Hundes und lehnt die reale Persönlichkeit des neuen Hundes ab, sobald sich dieser anders verhält.
    • Ein Besitzer versucht mit freundlicher Stimme und Gesten (wie er es in der Hundeschule gelernt hat), den Hund zum Herkommen zu bewegen, während er innerlich kocht und zornig ist, weil er sich über das Verhalten des Hundes ärgert. Der Hund hat nur die Wahl der emotionalen drohenden und ablehnenden Botschaft zu folgen und das Signal zum Herankommen zu missachten oder zu kommen und die emotionale Botschaft zu missachten. Im Zweifelsfall orientiert sich der Hund eher an den nonverbalen Signalen und nicht am erlernten Signal, was den Ärger des Besitzers in der Regel noch weiter intensiviert.

Hierarchie und Rangordnung

Hunde sind soziale Lebewesen, leben daher in Kontakt mit anderen Lebewesen entweder ihrer eigenen Art oder einer anderen Art, dem Menschen. Das Zusammenleben in einer Gruppe erfordert gewisse Regeln und eine soziale Ordnung, die dazu dienen Konflikte zu vermeiden oder wenigstens auf ein Minimum zu reduzieren.

Ein gängiges Konzept ist, dass Hunde in einer Dominanzhierarchie leben, in dem ein dominantes Mitglied privilegierten Zugang zu Ressourcen wie Futter, Ruheplätze, Sozial- und Sexualpartnern hat. Diese Hierarchie wird nicht durch Kampf aufrechterhalten sondern durch Kommunikation. Jedes Mitglied weiss, welche Körperhaltungen, Signale und Privilegien es seinem dominanten oder submissiven Status entsprechend dem anderen gegenüber zeigen muss. Eine Voraussetzung für ein solches Zusammenleben ist ein hoher Grad an kognitiven Fähigkeiten, Intelligenz und subtiler Kommunikation.

Als Grundlage für dieses Modell wird meistens das Verhalten von freilebenden und gefangen gehaltenen Wölfen herangezogen. Die soziale Organisation von freilebenden oder im Gehege lebenden Hundegruppen variiert sehr stark von Gruppe zu Gruppe und mit den Lebensumständen. Das Zusammenleben von Hunden mit Menschen ist noch einmal individueller gestaltet und reicht von der straffen hierarchischen Ordnung bis zum partnerschaftlichen Team. Jede dieser sozialen Ordnungen kann je nach den individuellen Persönlichkeiten und Ansprüchen funktionell oder dysfunktionell sein.

Hierarchieprobleme werden massiv überdiagnostiziert und als die universelle Ursache für beinahe jedes Problem mit dem Hund angesehen.

Definitionen

Die Begriffe Hierarchie, Rangordnung, Dominanz werden grosszügig und vielseitig eingesetzt – doch jeder versteht etwas anderes darunter. Der Begriff ist durch den soziokulturellen Hintergrund und persönliche Einstellungen belastet.

An sich sind Hierarchie und Dominanz wertfrei.

Hierarchie:

Das Wort Hierarchie ist aus den griechischen Worten hieros (heilig) und archein(herrschen) zusammengesetzt – die ursprüngliche Bedeutung hat also nicht mehr viel mit der aktuellen zu tun.

Hierarchie ist ein Organisationssystem bei dem Individuen (oder Elemente) einander über- und untergeordnet sind. Es gibt verschiedenen Arten von Hierarchie:

  • Lineare Hierarchie: A > B > C
  • Zirkuläre Hierarchie: A > B > C > A

Rangordnung kann als Synonym für Hierarchie angesehen werden.

Dominanz:

Dominanz beschreibt eine Beziehung, in der einer der beiden Partner durch agonistisches Verhalten Kontrolle oder Vorrang über bestimmte wertvolle Ressourcen hat und der andere diese Kontrolle respektiert. Das Verhalten des Gewinners wird als dominant bezeichnet, der andere als untergeordnet.

Ein dominanter Status in einer sozialen Beziehung ergibt sich, wenn der Hund mehr oder weniger durchgehend Körperhaltungen, Verhaltensweisen und Privilegien eines Dominanten hat.

Dominanz ist keine persönliche Eigenschaft eines Hundes, sondern beschreibt eine bestimmte Beziehung; in der Beziehung zu einem anderen Individuum kann derselbe Hund untergeordnet sein!

Autorität oder Charisma sind persönliche Eigenschaften, die einem Individuum aus der Sicht anderer Führungsqualität verleihen. Diese natürliche Ausstrahlung wirkt auf andere – Menschen wie Hunde – anziehend, die Unterordnung ergibt sich natürlich, bereitwillig und vertrauensvoll.

Die Einhaltung der hierarchischen Ordnung muss von diesen natürlichen Führungspersönlichkeiten nicht – oder nur äusserst selten – mit Aggression oder gar Gewalt durchgesetzt werden.

Eine Herrschaft durch Druck mit autoritärer, aggressiver oder gewalttätiger Kontrolle aufrechtzuerhalten, wird zu Gegendruck führen, bei Menschen genauso wie bei Hunden. Es kann damit zwar Unterordnung erreicht werden, aber keine freiwillige vertrauensvolle Bereitwilligkeit, Motivation oder Verlässlichkeit des Untergeordneten sondern nur Nachgeben, Beugen oder Angst vor dem grösseren Druck.

Die Verwechslung von natürlicher Führungsqualität oder Charisma mit einem massiv autoritären, ja aggressiven Führungsstil ist die Grundlage für tiefgreifende Missverständnisse im Zusammenleben mit Hunden!

Andere soziale Elemente, die neben einer sozialen Hierarchie für das Zusammenleben mit Hunden von grosser Bedeutung sind:

  • Bindung.
  • Motivation.
  • Kooperative soziale Aktivität.
  • Kongruente, konsistente und vorhersehbare Kommunikation.
  • Klare Regeln.
  • Etc.

Eine für den Hund erwünschte stabile soziale Ordnung kann aber muss nicht zwingend etwas mit Hierarchie zu tun haben.

Die soziale Organisation von Hunden und Menschen oder Hunden, die im gleichen Haushalt zusammenleben ist ausgesprochen individuell. Man sollte daher bei der Analyse in der Konsultation offen sein, einer grossen Bandbreite an möglichen Strukturen zu begegnen und keine voreiligen Schlüsse ziehen.

  • Hierarchiebezogene Probleme werden viel zu häufig diagnostiziert!
  • Überzogene oder missverstandene hierarchiebezogene Lösungsversuche haben Probleme sehr oft bereits verschlimmert!
 Aus: Verhaltensmedizin beim Hund – Leitsymptome, Diagnostik, Therapie und Prävention.