Worum geht es in der Verhaltensmedizin?

Hunde und Katzen können wie Menschen auch unter Verhaltensstörungen und psychischen Erkrankungen leiden. Das Bewusstsein und Interesse für das psychische Wohlbefinden von unseren Haustieren ist deutlich gewachsen.

Genaugenommen kann man bei diesem veterinärmedizinischen Spezialgebiet von Veterinärpsychiatrie sprechen, der Psychiatrie und Psychotherapie in der Humanmedizin vergleichbar.

Die Grundlagen für die Diagnose und Therapie liefert die Ethologie – die Lehre vom Verhalten.

Ohne genaue Kenntnis des Ethogramms kann nicht zwischen physiologischem und pathologischem Verhalten unterschieden werden.
Neben diesem Grundlagenwissen müssen natürlich auch alle Einflüsse auf das Verhalten durch körperliche Erkrankungen – oder umgekehrt – die körperlichen Folgen von pathologischem Verhalten, also die ganze Breite der Veterinärmedizin, für eine entsprechende Diagnosefindung bekannt sein.

Wichtige wissenschaftliche Grundlagen für die Therapie liefern die Neurophysiologie, Psychopharmakologie, die Lerntheorien, und angrenzende Gebiete wie Endokrinologie und Psycho-Neuroimmunologie und sogar die Systemtheorie.

Und zu all dem gehört neben der Liebe zu Tier und Mensch natürlich auch ein grosses Mass an Einfühlungsvermögen, Empathie und Fantasie!

Warum benötigen Tiere verhaltensmedizinische Betreuung?

Die Euthanasie aufgrund von Verhaltensproblemen gehört mit zu den häufigsten Todesursachen bei Hund und Katze.

Unlösbar erscheinende Verhaltensprobleme sind ein wichtiger Grund, warum sich Tierbesitzer von ihrem, oftmals noch jugendlichen, Tier trennen.

Verhaltensprobleme belasten oder gefährden die Beziehung Mensch-Tier und in vielen Fällen auch das soziale Umfeld.

Tiere mit psychischen Erkrankungen leiden darunter ebenso wie Menschen ganz erheblich.

Manch einem mag es lächerlich erscheinen, dass auch Hunde, Katzen oder andere Haustiere psychiatrische Behandlung benötigen – „wieder so ein neuer Trend aus Amerika“.

Andererseits Tiere haben Gefühle, Stimmungen, Ängste, Lern- und Erkenntnisvermögen, alterungsbedingten Gedächtnisverlust etc. – aus welchem Grund sollten psychische Probleme und Erkrankungen beim Tier ignoriert werden?

Verhaltensstörungen haben nicht nur Einfluss auf das Befinden des Tieres und seine Beziehung zum Menschen oder Partnertieren, sondern auch auf die Gesellschaft. Man denke hier nur an Dauergebell von Hunden oder aggressives Verhalten gegenüber Menschen.

Es gibt zahlreiche Verhaltensprobleme, deren Grundlage ein physiologisches, also „normales“ Verhalten ist – z.B. Kratzmarkieren oder Harnmarkieren bei der Katze. In vielen Fällen fehlt dem Besitzer einfach das Wissen oder die Bereitschaft, dieses Verhalten als arttypisch zu erkennen. Durch Aufklärung und entsprechende Massnahmen im Umfeld können belastete Mensch-Tier-Beziehungen wieder auf eine neue verständnisvollere Ebene gebracht werden.

Neben diesen Missverständnissen in der Mensch-Tier-Beziehung gibt es aber auch unzählige pathologische Prozesse und Zustände – also richtige Verhaltensstörungen oder psychische Erkrankungen. Dazu gehören – um nur einige aufzuzählen – alle Phobien und Angstzustände, Depressionen oder Hyperaktivität, Störungen des Sozialverhaltens, Zwangsstörungen oder altersbedingte Abbauerscheinungen.

Wie sieht eine Verhaltenskonsultation aus?

Im Rahmen einer verhaltensmedizinischen Konsultation wird der Hund oder die Katze körperlich untersucht, die Symptome, die Verhaltenssequenz, der Kontext, die Umstände und Konsequenzen eines Verhaltens, die Körperhaltungen und Mimik ganz genau analysiert.

Vor einer Verhaltenskonsultation oder als Ergänzung danach müssen oftmals organische Ursachen und Krankheiten ausgeschlossen oder behandelt werden.

In der Konsultation selbst wird Ihr Tier beobachtet und mittels eingehender und gezielter Befragung nach typischen Symptomen und Zuständen gesucht. Hier sind Sie als Besitzer die wichtigste Person – denn Sie leben mit Ihrem Tier zusammen und Sie kennen es am besten.

Was passiert danach?

Stimmungslage, Emotionen und Verhalten können mit verschiedenen Methoden beeinflusst werden; manchmal ist für die Therapie psychischer Erkrankungen auch die Unterstützung durch Medikamente sinnvoll.

Wenn schliesslich eine oder mehrere Diagnosen feststehen, wird ein Therapiekonzept erstellt.

Es wird ein Zeitrahmen festgelegt, in dem eine bestimmte Therapie durchgeführt und die Entwicklung kontrolliert wird.

Es gibt unzählige therapeutische Ansätze, die meistens frei miteinander kombiniert werden können.

Da sind zum einen die Möglichkeiten der Verhaltensmodifikation zum Beispiel mittels systematischer Desensibilisierung und klassischer oder instrumenteller Gegenkonditionierung – ein Tier kann sich unter dieser Therapie an einen ängstigenden Reiz gewöhnen und/oder lernt ein neues Verhalten, das sich mit dem ursprünglichen Verhalten nicht vereinbaren lässt.

Bei Kommunikations- oder anderen Problemen in der sozialen Ordnung kann individuell ganz gezielt und intelligent die Ordnung in der Familie beeinflusst werden – es werden unter Anleitung einzelne konfliktträchtige Situationen abgebaut, um einem Hund einen stabilen Platz in der Familie zuzuweisen und die Kommunikation klarer und eindeutiger zu gestalten.

Ein wesentliches Element ist die ausreichende und einigermassen artgemässe mentale und körperliche Beschäftigung – sinnvolle Aktivitäten bei denen Hund oder Katze ihre Fähigkeiten einsetzen können, gemeinsame soziale Aktivitäten mit dem Menschen oder mehr Einsatz für den Futtererwerb.

Natürlich gibt es auch Hilfsmittel, die die Arbeit und Kommunikation mit Hunden (und Katzen) verbessern können: Maulkorb und Kopfhalfter wie Halti und Gentle Leader geben dem Besitzer mehr Sicherheit und Kontrolle; tierschutzgerechte Spray-Halsbänder (Master Plus), die den Hund momentan durch einen unangenehmen Luftstoss von unerwünschtem Tun ablenken und ansprechbar machen sind in manchen Fällen eine sinnvolle Ergänzung zum Training.

Mit dem Pipolino haben Katzen einen sinnvollen Zeitvertreib, wenn sie sich wie in der Natur vorgesehen intensiver um ihr Futter bemühen müssen.

Zum Einsatz kommen je nach Diagnose und Erfahrung natürlich auch Bachblüten, Homöopathie und Nahrungsergänzungen/orthomolekulare Präparate (Aminosäuren, Spurenelemente, Vitamine, pflanzliche Substanzen).

Für Katzen und Hunde gibt es dei Möglichkeit der Pheromontherapie, die den emotionalen Zustand eines Tieres positiv beeinflusst.

Und in vielen Fällen sind auch Psychopharmaka (pflanzliche oder synthetische) notwendig. Diese dienen nicht dazu, ein unerwünschtes Verhalten mit Beruhigungsmitteln abzustellen!!

Vielmehr sind sie oft die einzige und vor allem die schnellste Möglichkeit, einem an einer psychischen Erkrankung leidenden Tier zu helfen.

Die wichtigste Voraussetzung für eine Änderung des Verhaltens ist Lernfähigkeit: weder ein verängstigtes noch ein mit Beruhigungsmitteln behandeltes Tier kann lernen!